Die Marathonfahrt nach Torgelow!

 

Nicht jeder weiß, wo Torgelow liegt. Der Name klingt östlich, und wer diese kleine Städtchen sucht, findet es auf der Deutschlandkarte rechts ganz weit oben, 15 km vor dem Stettiner Haff. Ich hatte mir im Sommer nach Bekanntgabe des Spielplanes die Tourismusunterlagen zukommen lassen, zwecks Quartiersuche. Ich kann nur sagen, es ist zu empfehlen. Eine malerische Gegend, schön zum Urlaub machen. Leider mussten wir im tristen November nach Torgelow. Nur wie da hinkommen? Denn immerhin sind es fast 800 km. Während Gulsana mit ihrem Mann Hans-Jürgen bereits unter der Woche zum Städtetrip nach Berlin fuhren, hatte Victorija Cmilyte die einfachste Anreise: In Riga rein in den Flieger, und raus in Berlin-Schönefeld. Doch der Rest musste am Freitag die weite Reise nach Torgelow auf sich nehmen. Man wäre ja gerne mit dem Zug gefahren, aber es ist ein Problem, am Sonntag wieder heimzukommen. Und ganz nebenbei sind die Sonderangebote der Bahn fast nicht zu bekommen, es sei denn, man setzt sich morgens um 5 Uhr in Heidelberg in den Zug. Und der normale Fahrpreis schreckt einen schon ab. Somit gab es ein gemischte Anreise mit eigenem Auto, Mitfahrzentrale, Flieger und Mietwagen, letztlich waren alle am sehr späten Freitag Abend nach teilweise 12-stündiger Anreise in Torgelow angekommen. Bettruhe war angesagt, Lust auf mehr nicht mehr vorhanden.

 

Nach einem gemeinsamen Frühstück, gefolgt von der Vorbereitung auf den Kampf sowie einer kleinen Stärkung zur Mittagszeit ging es in Richtung Spiellokal, mit dem festen Ziel, die ersten Punkte einzufahren.

 

Mit Rotation Pankow wartete ein unangenehmer Gegner, der sehr kompakt auftritt und immer für eine Überraschung gut ist. Die erlebten jedoch zunächst wir, denn die Spitzenspielerin Brigitte Burchardt fehlte. So lag die Favoritenrolle deutlich bei uns, aber der Kampf kostete viel Nerven. Viktorija Cmilyte sorgte mit einem schnellen Sieg für den ersten Punkt. Jordanka Belic ließ einen weiteren Sieg folgen, Polina Zilberman remisierte. Leider verlor Larissa Dergileva , da sie in der entscheidenden Stellung die Dauerschachmöglichkeit ihrer Gegnerin verhindern wollte, doch durch einen völlig unerwarteten Zug ganz perplex war und die Zeit überschritt. Kurz nach der Zeitkontrolle eine knappe 2,5:1,5 - Führung

 

Wie ging es mir in der Zeit: Ich war zuhause mit der Unordnung auf meinem Schreibtisch beschäftigt und verfolgte den Bundesligafußball im Radio. Etwas nervös, wie es einem Vereinsvorstand so geht, wartete ich auf Nachrichten aus Torgelow. Hin und wieder ein Blick mit der Webcam ins Spiellokal, mit der Hoffnung, strahlende Walldorfer Gesichter zu sehen. Da war aber nichts. Gegen 16.30 Uhr griff ich halt mal zum Telefon. Aber wenn soll ich anrufen, Handy alle aus, nun gut, versuche ich es im Spiellokal. Und hier bekam ich von Hans-Jürgen die Siegesnachricht von Viktorija und die kurze Info von den restlichen Partien – alles noch offen! Die Zeitnot rückte näher. Weit weg, und doch war die Spannung fühlbar. 18.30 Uhr, der nächste Anruf im Spiellokal, wieder die Infos von Hans-Jürgen: Sieg an 1 und 2, Verlust an 3, Remis an 5, 4 eher schlechter, 6 remis. Macht in der Summe ein 3:3. Leichte Enttäuschung, aber trotzdem noch Hoffnung auf den Sieg. Larissa schildert mir noch kurz ihre Niederlage, sie wollte einfach zuviel. Wir vereinbaren, dass sie mich auf dem laufenden hält. Mittels Webcam konnte ich erkennen, dass Gulsana fertig war. Hatte die Gegnerin das Remisangebot, welches Hans-Jürgen erwartet hatte, angenommen? Nun, dann hätten wir 3 Punkte, immerhin den ersten Mannschaftspunkt. Dies war gegen 19 Uhr. Um 19.30 Uhr versuchte ich es wieder, diesmal bei Larissa und Gulsana auf den Handy – abgeschaltet...., weiter warten. Dann kurz vor 20 Uhr ein Anruf. Erkenne auf dem Display sofort die Handynummer von Larissa. Aber ich höre Larissa nicht, das kann doch wohl nicht wahr sein...! Ich versuche es selbst bei Larissa, das Handy klingelt, aber wieder kein Kontakt.

 

Dann eine SMS auf mein Handy, mit nur einem Wort:

 

                             G E W O N N E N !!!

 

Kurz danach meldet sich Larissa mit Jordankas Handy, sagt, dass ihr Handy nicht funktioniert und schildert mir das schnelle Remis von Gulsana und das Glück von Olena, deren Gegnerin das gewonnene Bauernendspiel ins Remis verpatzte.

 

Der Sieg stand fest, die ersten Punkte unter Dach und Fach.

 

 

Der Sonntag, für Daheimgebliebene ging der recht ruhig los. Etwas länger geschlafen, ausgiebig gefrühstückt, doch so gegen 12 Uhr kam das Kribbeln. Gegen die nominal schwächeren Gastgeber sollte es doch etwas leichter werden. Den Rechner hochgefahren, auf die Web-Cam geschaut. Nichts besonderes zu erkennen. Das Telefon musste herhalten, Anruf im Spiellokal und Hans-Jürgen verlangt. Alles noch offen, alle Partien laufen noch.

Nun gut, widme ich mich anderen Dingen. Gegen 13.30 Uhr der nächste Anruf. Die Zeitkontrolle war vorbei, da muss doch etwas passiert sein. Gleiche Prozedur wie um 12 Uhr. Doch es klang nicht so gut, Larissa remis, Gulsana sollte gewinnen, Olena schlechter, Viktoria schlechter, beim Rest noch alles offen. Nun ja, ich hoffte auf die Routine meiner Frauenmannschaft. Aber man hat schon zu knabbern, wenn man nur erzählt bekommt, wie es steht. Dabei sein ist doch etwas anderes, jeden Zug sehen, sich innerlich freuen können über eine positive Entwicklung einer Partie, oder auch leiden zu müssen, wenn man bessere Züge gesehen hat. Schach und langweilig, beim besten Willen nicht. Aber in der Situation blieb mir nichts anderes übrig, ich musste auf die Nachrichten aus Torgelow warten. Gegen 14.30 Uhr versuchte ich es erneut unten den diversen Handynummern, aber niemand zu erreichen. Im Spiellokal wollte ich auch nicht mehr anrufen, die waren wohl schon ziemlich genervt von meinen ständigen Telefonaten!.

 

Ich schaute auf die Uhr, es war 14.45 Uhr, da kam eine SMS, mit drei Worten:

 

S C H O N   W I E D E R   G E W O N N E N .

 

Kurz die „Beckerfaust“, die weite Reise an die Ostsee hat uns das optimale Ergebnis gebracht. Die Punkte waren auch notwendig, denn die Liga ist ausgeglichen wie schon lange nicht mehr, und man wird wohl 8 bis 10 Punkte zum Klassenerhalt brauchen.

 

Die Rückreise der Mannschaft ging ganz gut, kein Vergleich zur Anreise am Freitag. Um kurz nach 1.00 Uhr waren die letzten zuhause. Ein langes Schachwochenende mit langen Autofahrten und spannenden Mannschaftskämpfen ging erfolgreich zuende.

 

Jetzt ist erst einmal Pause, und im Februar geht es zum 3.Mal in den Osten, dann nach Leipzig.

 

Peter Schell